Rezension zum Farbwörterbuch

Prof. Axel Venn | Farbsemantik

Ausdrucksstark und praktisch – Das Farbwörterbuch
Neues umfassendes Nachschlagewerk und Arbeitshandbuch für Gestalter

Von Birgit S. Bauer

Designer und Architekten greifen oft auf das übliche Weiß, Schwarz und Grau zurück. Ein Grund dafür ist unter anderem die Schwierigkeit, gute Argumente für Farbstrategien zu formulieren. Argumente, die auch die Emotionen abbilden, die für die eigenen Kunden verständlich und lebendig sind. Auch Innenraumgestalter und Maler machen immer wieder aufs Neue die Erfahrung, dass es für den Gebrauch von Farben leider nur wenige Generalrezepte gibt, sondern im Gegenteil: Die sorgfältige Auswahl der Farbigkeit folgt in jedem Projekt eigenen Regeln. Die Diskussion über Farbe im Entwurf müsste also viel differenzierter und individueller geführt werden als bisher. Und genau an diesem Punkt greift Das Farbwörterbuch. Die Farbigkeit der Begriffe von Axel Venn.

Das umfassende Nachschlagewerk schafft auf seinen 864 Seiten die Verbindung von Sprache, Emotion und Farbe. Der Band verzeichnet 360 vielseitige alltagssprachliche Adjektive wie „laut“, „magisch“, „taktvoll“, aber auch „mega-out“ und „wertlos“, um nur einige zu nennen. Diesen Worten sind Farbklänge aus 49 aquarellierten Farbfeldern zugeordnet, ausgewählt und erstellt von 60 Probanden. Hier handelt es sich nicht um die üblichen monochromen Farbtafeln, die man aus Farblexika kennt, sondern um ausdrucksstarke malerische Proben: abstrakte Muster, verschiedene Pinselführungen, Farbkombinationen und Mischungen. Diese Proben wiederum waren die Grundlage für die chromatisch sortierte Wiedergabe des jeweiligen Farbklangs in einem Farbkreis des mathematisch präzisen RAL Design Systems und in einer Liste der entsprechenden RAL-Farben mit genauen Kennzahlen.

Der Einstieg in das Arbeiten mit Farbe beginnt schon mit dem Aufschlagen des Buches, das als praktisches Hilfsmittel, Inspirationsquelle und Farbreferenz dienen kann. Die im ersten Eindruck ungewöhnliche Methode der Probandenmalerei eröffnet einen neuen Blick auf die Farbigkeit der Begriffe. Das wird deutlich, wenn man durch das Farbwörterbuch blättert. Die Bildlichkeit der Farbproben drückt etwas aus, das über der reinen Wiedergabe eines Farbtons steht und auf diese Weise zur Verständigungsgrundlage werden kann – beispielsweise um mit Kunden über die Wahrnehmung von Farbe zu sprechen. Dabei hilft, dass Das Farbwörterbuch Spielraum lässt für eigene Farbinterpretationen. Denn bei aller Gemeinsamkeit der Farbsprache – es sind gerade die Nuancen und die Ausnahmen, die die Spannung ausmachen und das Buch von anderen Farblexika abheben. In diesen Proben kann jeder – ob Profi oder Laie ohne Vorbildung – wie in offenen Karten lesen.

Damit leistet das Farbwörterbuch etwas, das Trendbulletins, wahrnehmungspsychologische Studien und nachgelagerte Marktforschung bei aller Objektivität nicht leisten können. Es bildet eine emotionale Ebene ab, die eine empirisch-wissenschaftliche Herangehensweise an Farbthemen oft vernachlässigt.

Das großformatige Buch ist zeitlos lesefreundlich gestaltet. Das gilt auch für die präzise Kommentierung der Proben und Farbklänge. Ob als Arbeitswerkzeug oder anregendes Bilderbuch – Das Farbwörterbuch ist weit über den Nutzen eines Farblexikons hinaus ein lustvoller Diskurs über Farbe, der die vielseitigen subjektiven Auffassungen von Sprache, Emotion und Farbe zum Thema hat. Gerade das befähigt Gestalter, zusammen mit Auftraggebern in die strategische Arbeit mit Farben einzusteigen.

„Das Farbwörterbuch. Die Farbigkeit der Begriffe“ von Professor Axel Venn und Janina Venn-Rosky wird von Dr. Wolf D. Karl, RAL gGmbH, herausgegeben. Der zweisprachige Band (deutsch und englisch) umfasst 864 Seiten mit ca. 20.000 Abbildungen. Er enthält ein großes Übersichtsplakat mit Farben und Begriffen. Das gebundene Buch im Format 24 x 26 cm kostet in Deutschland 139,00.- Euro und ist bestellbar über die RAL Website www.ral-farben.de. ISBN: 978-3-7667-1825-9

Über die Autoren
Axel Venn ist Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Seit Jahren arbeitet der in Berlin lebende Autor über und mit Farbe und genießt internationales Renommee als Farb-, Trend- und Ästhetikberater. Janina Venn-Rosky ist Dipl. Designerin (HfbK, Hamburg).

Über Birgit S. Bauer
Birgit S. Bauer ist Diplom Designerin, Fachautorin für Designthemen und Designkritikerin in Berlin. 2003 wurde sie mit dem ersten Braun-Feldweg-Preis für designkritische Texte ausgezeichnet. Als Dozentin lehrte und forschte sie im Fachbereich Produkt Design an der Kunsthochschule Kassel.

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Beitrag vom 8. April 2010