Kante als Gestaltungsinstrument

Prof. Axel Venn | Zukunft und Trends

rehautitel.jpgzow.jpgVorwort
Ursprünglich sollte dieser Beitrag sich ausschließlich mit den Gestaltungskriterien von Kanten beschäftigen. – Im Verlauf der Auseinandersetzung mit diesem Produkt, stellte ich fest, dass es ein wesentliches, weil äußerst sichtbares und doch häufig unterschätztes Gestaltungsmittel der nächsten Umgebung ist. Dies ist der Grund, warum ich mich, ausführlicher als vorgenommen, mit ein paar Aspekten der Designgeschichte und Designkritik, sowie den Zukunftsaussichten der kommenden Gestaltungsphilosophie der Wohn- und Arbeitsräume beschäftigt habe.

Wettbewerb
Anlässlich der Ausschreibung des REHAU-Designwettbewerbs an der HOCHULE FÜR ANGEWANDTE WISSENSCHAFT UND KUNST, Fakultät Gestaltung, kurz: HAWK, Hildesheim, lautete die “Anweisung” wie folgt:

„Auf der Suche nach der symbiotischen Beziehung von Akzentuierung und Beiläufigkeit oder der Kooperation ungleicher dynamischer Ebenen:

Gesucht werden Gestaltungsbeziehungen von der Horizontalen, bzw. vom Rand der Fläche zur abschüssigen Vertikalen. Nur das ist interessant, was permanent absturzgefährdet erscheint. Die Faszination bangt immer auf der Seite des Balancierenden.

Die Studierenden sind aufgerufen, am Wettbewerb über Fläche, Kante und Farbe nachzudenken, neue Anstöße zu entwickeln und die Dinge auf den Kopf zu stellen.“

Da der Text von mir stammte, weiß ich, dass Design-Studenten ihn verstehen, genau so gut, wie Mediziner ihre speziellen Sprach-Codes zu entschlüsseln imstande sind.

kanteschrank1.jpgAppell
Ebenso gut hätten wir, die designbegeisterten Damen und Herren von Rehau und auch ich appellieren können: „Macht mal was Schönes, Innovatives, Anrührendes, Futuristisches, Obsessives, Repräsentatives,
Aufrüttelndes, Sanftes, Glamouröses, Puristisches, Kreatives, Geniales, Einmaliges, gänzlich Ungewöhnliches und einen Riesen-Verkaufs-Hit!“ Genauso haben wir das in einigen gemeinsam durchgeführten Vorlesungen auch gesagt, gemeint und diskutiert.

Eine Anzahl Studierender haben nicht nur am Wettbewerb teilgenommen und umfangreiche Kollektionen entwickelt, sondern mittlerweile auch dicke, bis zu über 300 Seiten starke Kanten-Bücher als Fach- und Diplomarbeiten geschrieben. Der Herausforderung, sich diesem, in einem Designstudium nicht ganz alltäglichen Thema zu widmen, haben sie sich mit Vehemenz gestellt.

Ich denke, sie fühlten sich animiert, was auch unsere gemeinsame Absicht war, der Kante eine etwas andere Philosophie, also einen neuen gestalterischen Sinn zu geben.

kanteschrank.jpgWertvorstellung
Wichtig war allen Teilnehmern die Kanten-Prägnanz zu erhöhen. Für Mimikry und Tarnung war kaum einer der Teilnehmer zu haben. Nicht im Verbergen, sondern im Offenlegen sahen sie ihre offensive Botschaft.
– Das bedeutete zugleich, dem Produkt eine andere Wertigkeit zu applizieren. – Am liebsten hätten sie jede Kante mit Platin, Gold und Silber belegt.
Anstelle dessen traten Fantasie und Kreativität, die sich in 3-dimensional wirkenden Optiken, kühlen Streifen, aufmunternden, farbkräftigen all-over Mustern oder sanft-floralen Dekoren präsentierte: Mal laut und chaotisch, mal konstruiert und geometrisch, mal leicht und poetisch.

kanteschublade.jpgAspekte
Betrachtet man die dessinatorisch-sinnlichen, funktionalen Aspekt einer Kante, so existiert ausschließlich die Alternative zwischen:
Ergänzung und Vollendung der beherrschenden Fläche oder
Demonstration und Präsentation der untergeordneten Fläche. Der zumeist vorherrschende, bisherige Gestaltungsansatz beschränkte sich unseren Beobachtungen nach fast ausschließlich auf eine möglichst harmonisch-initiierte, eher begleitende Gestaltungsfunktion zu einer fast immer größeren Ebene.

Konventionen
Sicherlich steht dies im Zusammenhang mit einer in den letzten Jahrzehnten geübten funktionalistisch-puristischen, ornamentfeindlichen Grundhaltung einer arrivierten, aber gänzlich konventionsorientierten, langweiligen und uninspirierten Designszene. Farbe, Muster, Ornament waren in den letzten Jahrzehnten in einer architekturbeherrschten Gestaltungswelt dem notorischen, zumindest latenten Verdacht des Dekorismus ausgesetzt. Er gipfelte in dem viel zitierten Loos’schen Verdikt: „Ornament ist Verbrechen!“.

Jene Vorabverurteilung jeden musterorientierten Gestaltungsvorhabens hat nicht nur das Flächenmuster in den Verruf gebracht, das Formale und damit Kognitive zu verraten, sondern auch das spielerische, dessinierte, affirmative und emotionale Moment der Oberflächen zu mißachten.

Gerade das offiziöse deutsche Design hat sich viel zu lange von diesem Diktum beeinflussen lassen und Kargheit und Grautum als Voraussetzung für sogenanntes „Gutes Design“ als verbindlich erklärt. „Schlicht“ und „rein“, „konstruktiv“ und „sachlich“ manifestierten sich als die gängigen Zauber-Attribute in den leeren Design-Zentren der Republik. – Der Grund dafür, warum sie so leer waren, liegt somit auf der Hand.

Erlebnisse
Wir lernen wieder, dass Silhouetten nicht ausschließlich formal zu definieren sind. Ihre Akzentuierung erfolgt gleichsam über Farbe, Material, Hell-Dunkel Kontraste, Muster, Strukturen, Matt-Glanz-Effekte, Haptiken und topografische Erlebnis-Affekte, also sinnlichen und eben nicht denkkategorisch zuzuordnenden Inhalten.

Wir bekennen uns heute und in Zukunft noch viel weniger dazu, das Leben nach Nützlichkeit und existenziellen Notwendigkeiten zu organisieren. Gefühlsinhalte erachten wir nicht nur als schönes Beiwerk. Viel wichtiger erscheint uns das erfüllte Sein, in dessen Mittelpunkt Selbstverwirklichung, Spaß, Genuss, Erfolg, Menschlichkeit, Kreativität, Gemeinsinn, Wissen und Zukunftsbeherrschung stehen.

kantetisch.jpgStatus
Die Lust zu Leben, Wohnen als den Ort der Gemütlichkeit, Besinnlichkeit, Harmonie und Erholung zu betrachten, stehen Werte von Nutzenoptimierung unseres Wohn-Daseins gegenüber. – Der Status der Menschen und deren Identität hat kaum mehr etwas mit der Marke des gefahrenen PKW’s und der Traumreise auf dem Traumschiff zu tun, sondern, das beweisen alle Erhebungen, vielmehr mit den privaten Bereichen des Lebens. – Dabei spielt das Wohnen selbst die entscheidende Rolle.

In ähnlicher Weise benötigen wir aber auch Umfelder in unseren Arbeitssituationen: Nur dort fühlen wir uns wohl, bei denen ähnliche ästhetische und humanfunktionale Rezepte Beachtung finden wie in unserm privat-offiziösen Zuhause.

Axel Venn (2008)

(Dies ist der Ursprungstext - kann von der Publikation abweichen)

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Beitrag vom 28. März 2008