Farbenzauber - expressive Wohntrends 2010
Prof. Axel Venn | Zukunft und Trends
Wohnen ist vielleicht mehr noch als die Mode die wahre Reflexion auf den Zeitgeist. Längst nicht mehr ist das Automobil oder die Reise auf dem weißen Kreuzfahrtschiff der Traum der Menschen. Die alten Vorlieben gehören zum alten Eisen, da ihnen der Nachgeschmack des Lächerlichen anhängt.
Die Ausgehgesellschaft liebt großvolumige Sofas, flauschige dicke Teppiche und Felle und folgt mit Begeisterung einer sich pandemisch ausbreitenden Jagd nach dicken Kissen, Geweihen und nach Bambusanbau im eigenen Garten.
Die Großstadtflaneure besinnen sich immer mehr auf das Naherholungsgebiet „Zuhause“. Und dieses Zuhause wird nach allen Regeln der Kunst dekoriert, geschmückt, dessiniert, posamentiert, inszeniert, koloriert und ornamentiert, um es Freunden und Bekannten präsentieren zu können. Pomp, Prunk, Prächtigkeit, Erhabenheit und Luxus werden ohne jede Scheu, leuchtenden Auges zur Schau gestellt.
Venezianisch-rot, Königsblau, Senator-Purpur, Russisch-Grün, Feingold-Töne, Platin und Kupfer eifern und blinken mit Bling-Bling-Getöse aus allen Ecken. Mehr noch als heute, wird das Wohnen zum bedeutendsten Statusprodukt werden. Es dient uns als das passende Identitätsmerkmal, denn die alten Signale, von Beruf bis Zeugniszensuren der Kinder und der Bekanntenkreis sind als Neidprodukt passé.
Wir machen wieder Hausbälle, Hauskonzerte, Hauslesungen, Privatgalerien im vierten Stock. Wir inszenieren Kochzirkel, Strickzirkel und Mal-, Philosophie-, und Diskussionszirkel im heimischen Salon. Und dies in aller Form und großzügigsten Generosität.
Der Zeitgeist taucht für ein paar Jahre in großbürgerliche Epochen ab: Trottel, Kordeln, dreilagige Dekostoffe, Plissées, Steppmuster und dicke Zimmerpflanzen bis unter die Decke können wir dann in Spiegelwänden betrachten, genau so uns selbst. – Übrigens, Glanz und Glimmer, Muster und Megamuster, infantile, bescheidene, großsprecherische, kreischende und hoheitsvolle Farbtöne spielen nicht nur die Begleitmusik sondern schlagen den Takt der Zukunft.
Die Formen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens sind von sehr differenzierten, entweder arrivierten oder experimentellen Wunschvorstellungen geprägt.
Nicht nur die schon vorhandenen, sondern auch die sich noch dramatischer abzeichnenden Verwerfungen der veränderten demografischen Gegenwarts- und Zukunftsszenarien, der allumfassenden Wissens- und globalen Wirtschaftsvernetzung werden unsere Lebenssituationen und Biografien erheblich beeinflussen.
Die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts wird ebenso starke Veränderungen der individuellen Daseinsformen aufzeigen wie die der letzten fünfzig Jahre des 19. Jahrhunderts. Allerdings weisen die Vorzeichen auf eine Abnahme der Population und damit der Verbraucher hin, dies im Gegensatz zur Situation der Bevölkerung um 1870 oder 1890.
Die parallelen Veränderungsszenarien weisen auf einen Run in das großstädtische Umfeld hin. Nur dort, so scheint es, wird es einer wettbewerbsstarken Gesellschaft gelingen, genügend Quellen für ihr weiteres, im globalen Wettkampf stehende Fortkommen zum Sprudeln zu bringen.
Die Grundzüge der Trends des Wohnens werden von zukunftsgestaltenden Wunschfeldern, die immer attraktiver sind als die nostalgischen, der Menschen bestimmt. – Im Mittelpunkt des Interesses stehen jeweils unterschiedliche Bedürfnislagen. – Mal stehen Sachbezüge, das andere Mal eher emotionale Komplexe im Vordergrund.
Jede Zeit hat ihre besondern Erwartungshaltungen. Also experimentiert jede Epoche mit eigenständigen Wohn- und Lebensphilosophien. In diesem Jahrzehnt bis zur ersten Hälfte des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts sind es eindeutig weiche Faktoren, die das Leben zuhause prägen. – Die Lebenshaltung wird wie nie zuvor von äußerst variantenreichen Wohnumständen geprägt sein. – Es zeichnet sich ab, dass weniger pragmatische Grundhaltungen des Lebens unsere Wohnwünsche repräsentieren, sondern es sind solche, die auf emotionale, also gefühlsorientierte Bedürfnisse und Erfüllungen reflektieren.
– Unübersehbar ist die Sehnsucht nach der Stadt mit all ihren, wenn auch nicht immer genutzten Ressourcen, nach menschlicher Nähe, kulturellen Möglichkeiten und erlebnisorientierter Dynamik.
Die folgenden zehn Grundthemen des Lifestyles stellen die wesentlichsten zukünftigen Megatrends dar. Sie dienen als Leitlinien für die sich abzeichnenden stärker differenzierten zukünftigen Wohntendenzen. Zur gleichen Zeit erlauben sie, ein paar Blicke auf die Motivations- und Antriebsstrukturen unseres Daseins zu werfen.
Wohnen kehrt wieder stärker zum archaischen Grundprinzip eines semioffiziellen Versammlungs- und Palaver-Raumes zurück. Er ist mehr und mehr der Ort der Zusammenkünfte der engeren, weiteren und wahlverwandten Familie. Mütter, Väter, Kinder, Tanten und Onkels, Nennonkels, Nenntanten, Nenn-Omas und -Opas bilden den Hauskreis, der zum gemeinsamen Kochen, Backen, Putzen, Grillen, Basteln, Werkeln, Spielen, Musizieren, Tapezieren und zu Wellness-, Fitness- und Gesundheits-Übungen zusammen kommt.
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Beitrag vom 25. Juli 2007


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