Farben zum Fressen, Verlieben und Gestalten
Prof. Axel Venn | Farbgestaltung
Farbdesign und Farbpolitik als strategischer Hebel zur Durchsetzung marketingorientierter Ziele.
Die Vortragsskizze beschreibt die Wesentlichkeit von Farbgestaltung. Sie vermittelt einen Eindruck anwendungskonformer Darstellungen, wie Farben als konzeptionelles Instrumentarium für erfolgreiches Handeln implementiert werden können.
– Der Handlungsbogen reicht von der richtigen Farb-Produktpolitik bis zur noch besseren „CI-Farbigkeit“. Telekom ohne unsägliches Magenta wäre doppelt so viel wert.
Müsste man Schlüsselsätze zum Thema Farbmanagement formulieren, wären es solche wie diese:
1. Die Farben, die sich am wenigsten für Zahnbürsten eignen sind: Schwarz, Braun und Oliv.
2. Die Farben, die für Chirurgen am wenigsten angebracht sind, lauten: Rot und Orange.
3. Die geradezu gefährlichsten Kampfanzugsfarben für Soldaten sind Licht-Orange und Knallgelb.
4. Die verwirrendste Verpackungsfarbe für Erdbeermarmelade wäre: Grün und für Herrenunterwäsche Rosé.
5. Die denkbar unpathetischste Farbe eines Bischofs wäre sicherlich: Khaki.
Farbmarketing beginnt dort, wo Farbe eine zentrale Rolle als Verständigungsmittel übernimmt.
Untersucht man Produzenten und Vertreiber von Produkten und Dienstleistungen auf ihre Farbpolitik und die Instrumente ihrer Darstellung, wird man ganz schnell feststellen, dass vieles unplausibel und teilweise konterkarierend wirkt.
Das grüne Band der Sympathie?
So sollte die Farbe der Polizeien nicht Grün sein. Grün ist nichts anderes als eine Reminiszenz an alte Jäger-Herrlichkeit. Die eindeutig richtige Polizeifarbe kann nur eine eher kühle, passive (d.h. deeskalierende) unaufdringlich-ruhige und ernstere, sachliche blaue Farbe sein. Im herrschenden Polizei-Grün dringt immer noch eine Menge obrigkeitsstaatliches Bewusstsein durch. Das richtige und bessere demokratische Blau wird, so scheint es, von einer farbunempfindlichen und politisch desensibilisierten Entscheidungsnomenklatura nicht wahrgenommen.
Bis vor kurzem gab es eine Bank, die mit dem Slogan „Das grüne Band der Sympathie“ warb. – Alle meine Forschungsdaten zeigen: Grün ist als Farbsympathieträger so wenig geeignet, wie Braun oder Schwarz. Im Farbspektrum des Sympathiebegriffes nimmt Grün einen unter 5 Prozent liegenden Anteil ein.
Unter sympathisch verstehen die Westeuropäer – in den USA sieht das vollkommen anders aus – eine eher warmtonige Pastelligkeit. – Hätte die „Dresdner“ die Verbundenheit zu ihrer Klientel semantisch und semiotisch als „buntes Band der Sympathie“ verstanden, wäre sie vielleicht heute noch selbständig und nicht an die Allianz verhökert worden.
Übrigens, Grün ist und war wohl nie die Neidfarbe in unseren Breiten. Der Neid ist eher Schwarz, Blau, Violett und ab und zu ein bisschen Gelb, Türkis und Rot.
Feng-Shui und falsche Verpackung
Man muss nur die Titel der Bücher und Verpackungen von Suppendosen etwas genauer betrachten, und ganz schnell kommt man auf den Trichter, wer was von Geschmack versteht.
Die Haupt-Sympathiefarbe der Amerikaner sind Pink und Viola.
Wenn es noch viele halb- und unerforschte Felder in der Sinnesphysiologie gibt, dann ist eines dieser Felder sicherlich die Farbe. Laut einem Bericht der Financial Times vom 19//20/ 21 Januar 2001 schätzt der Feng-Shui Berater Baier seinen Kolleginnen/Kollegen Stamm auf „mittlerweile 2000“ und „von diesen seien nur rund 200 als seriös einzustufen“. Feng Shui nimmt sich speziell bei der Büroraum- und Hotelgestaltung neben der Material- und Innenarchitekturberatung der „richtigen“ Farbtemperatur und der Farbgebung an. – Wundermeldungen über fröhlichere, tatkräftigere, ausgeglichenere und gesündere Mitarbeiter machen nach vollzogener Feng-Shui Beratung die Runde. Derweilen lachen sich chinesische Manager über ihre Feng-Shui gläubigen europäischen Kollegen halb-tod. Baier berät lt. oben genannten Bericht seit „16 Jahren Firmen in Sachen Feng-Shui“.
Farben sind optische Naherholungsgebiete
Eindeutig ist, seit einigen Jahren hat sich unter Verantwortlichen des Personalwesens, aber auch unter wenigen Architekten, ein paar mehr Innenarchitekten und Designern der Mehrwert von Farbe herumgesprochen. In Altenheimen, Rehakliniken und Krankenhäusern sind noch zu selten, Beispiele einer humanfunktionalen Gestaltung auszumachen. Noch zu häufig entscheidet entweder die Mutter Oberin, die Chefarzt-Gattin oder der Verwaltungschef der Klinik nach selbstverfertigten Rezepturen über die Farbgebung. So erging es dem Autor mit den festgefügten Gestaltungsgrundsätzen eines überforderten Krankenhausverwaltungleiters, der unbedingt, die Kellergeschosse tief-dunkel wie die Hölle und das letzte Stockwerk Hellblau - dem Himmel nahe - gestrichen haben wollte.
Ein Kernsatz zum Wert physiologischer Eigenschaften der Farben lautet:
„Mit Farben, Licht, Formen, Silhouetten und Oberflächen“ optische Naherholungsgebiete schaffen.
Farben spielen in unserem Verhalten, im Erkennen von Gegenständen, Personen und situativen Momenten eine wesentliche Rolle. In der folgenden Tabelle soll dies deutlich werden, wie der Weg vom Farbreiz über den Farbeindruck zur Anmutung verläuft.
Sinnesdaten zur Farbempfindung
Bei einem Sportwagen:
Der Farbreiz rot ist als Zeichen erkennbar, dadurch wird:
Der Farbeindruck laut als Empfindung interpretiert, folgend wird:
Die Anmutung schnell, aktiv als Vorverständnis interpretiert.
Bei einem Bonbon:
Der Farbreiz gelb-grün ist als Zeichen erkennbar, dadurch wird:
Der Farbeindruck frisch als Empfindung interpretiert, folgend wird:
Die Anmutung dropsig als Vorverständnis interpretiert.
C.G. Jung spricht von den Instrumenten des Bewusstseins, die zugleich für das Verhalten der Menschen verantwortlich sind.
Das Farbensehen ist eine absolut nicht eindimensional applizierte Wahrnehmung, sondern dass Zusammenhänge assoziativ, synästhetische, archetypische und anekdotischen Ursprungs sind immer auszumachen.
Farben erfolgreich nutzen – Hinweise
Ein wesentliches Merkmal langfristig erfolgreicher Farbpolitik besteht
a) in der harmonischen Zuordnung von Farben zueinander und
b) in der gleichklangigen Zuordnung von Sinneseindrücken.
Kontraste und Disharmonien in der Farbgebung orientieren sich zumeist an modischen Bildern mit häufig hohem Signalwert aber geringem Sympathiewert.
Ein wesentlicher Grund des Erfolgs des Models Claudia Schiffer ist in ihren harmonischen, ebenmäßigen, eher langweilig als aufregend wirkenden Physignomie begründet. Das wirklich Erfolgreiche besitzt immer einen Basisbezug zu kollektiver Übereinstimmung. Harmonie bedeutet immer Gleichklang des Denkens und Fühlens.
Harmonie regt nicht an, Harmonie ist wohltuend und beständig.
Das ist der Grund, wie das deutsche Wohnzimmer (nicht nur dieses) so aussieht wie es ist.
– Die typischen drei Farbstrategien des Gestaltens, sie beinhalten schätzungsweise 90% aller Gestaltungsrezepturen, sehen wie folgt aus:
Harmonie-Systeme und Rezepturen
1. Die Schlüsselfarbengleiche.
Sie besagt, dass ein bereits vorhandener Farb-Ton vervielfältigt und möglichst gleichtonig ergänzt wird.
2. Die Ton - In - Ton Farbigkeit
Der Harmoniewert spielt die entscheidende Rolle. Er wird erreicht über die Modulation einer Grundfarbe, die dann möglichst kontrastarm, also auf einem ein wenig schwankenden Helligkeitswert dargestellt wird.
3. Die Qualitätsharmonie
Das sind Töne, die aus einer unterschiedlichen Farbkreisgeografie stammen. – Ihre Temperamente sind jedoch einheitlich. Entweder sind sie grautonig bis schlammfarbig oder pastellig, buntstiftfarbig oder prunkend-kräftig.
Neben den Harmoniebezügen der Farben zueinander und mit anderen Sinneseindrücken (Synästhesien) existiert ein weiteres ordnungs-strategisches Feld, das den didaktischen Umgang mit Farben beleuchtet. Die wichtigsten sollen hier genannt werden:
Gefühlswelten,
Geschmackswelten,
Erlebniswelten,
Funktionswelten.
Gefühlswelten sind Stimmungslagen. Sie werden hauptsächlich durch sensitive Ereignisse erzeugt, wie:
= Farben
= Licht
= Muster
= Form
= Material
= Geruch
= Haptik etc.
Die Stärke der sympathischen Merkmale bestimmen die Qualität des Echos der sensitiven Ereignisse.
Typische Gefühlswelten sind:
= das Angenehme und Beruhigende
= das Elegante und Festliche
= das Romantische und Phantasievolle
= das Originelle und Sachliche
= das Fröhliche und Jugendliche usw.
Geschmackswelten haben eine mentale Komponente.
Sie lassen sich sehr gut über tradierte Konfigurationen definieren, wie
= Nostalgie
= Tradition
= Gemütlichkeit
oder aber über Designrichtungen, wie
= Ethno-Design
= High-Tech
= Rustikal / Landhaus
= Neon-Moderne
Erlebniswelten – leben durch die aktive Teilhabe und Teilnahme. – Sie sind polarig, widersprüchlich angelegt, sind faszinativ und dramatisch. - Sie leben vom Appetenz-Aversions-Konflikt.
Typische Themen sind:
Ironie bis Manieriertheit
Glamour bis Restriktion
Eleganz bis Schlichtheit
Luxus bis Entschönt etc.
Funktionswelten haben Farben, Formen, Materialien zum Inhalt, die auf Nützlichkeit, Dauerhaftigkeit und Sicherheit und weitere Vital-Funktionen angelegt sind.
Im Vordergrund aller Anwendungskriterien stehen
= Qualität
= Preis / Leistung
= Pflegeleichtigkeit
= Ökologie
= Ökonomischer Nutzen
Farben sind dann erst wirklich gut und sinnvoll, wenn sie Geschichten erzählen.
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- Weiße Kalkfarben
- Graue Steintöne
- Neutrale Hih-tech Töne
- Angefärbte Nebeltöne
- Frische Bonbon-Farben
- Warme Sommertöne
- Natürlich Blütenfarben
- Delikate Herbsttöne
- Elegante Schattentöne
- Schwere Samtfarben.
Zum besseren eindringlicheren Verständnis werden die substantivischen Begriffe immer über lautmalerische Adjektive ergänzend begleitet: so
- neutrale High-tech Töne
- angefärbte Nebel-Töne
- delikate Herbst-Töne.
Darum benötigen Farben ihre jeweils autarke Notation: Ein Rot ist ein Ton unter einer Million Rot-Nuancen. – Ein „Venezianisches Rot“ oder ein „Tiefsee Blau“ dagegen ist eine kreative Schöpfung
Sensuelle Eigenschaften werden in Zukunft mehr und mehr wertbestimmend sein. Farbe und Oberfläche , Haptik und Olfaktorik, Akustik, Gravitation und Schwerpunkt sind weitere sensorische Optionen. Sie sind die bedeutendsten Merkmale nicht nur von Qualität und Akzeptanz, sondern von Obsession, Verzauberung, Nobilitierung, von Mythos und Faszination.
Prof. Axel Venn 2007
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Beitrag vom 31. Juli 2007


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