Farben für umweltbewusstes Design (Interview mit Prof. Axel Venn in upside 2010)

Prof. Axel Venn | Farbgestaltung

upside_150_farbe_Umwelt_VennDie Farben für umweltbewusstes
Design sind derzeit so bunt wie
der Farbenkreis. Aber wissen wir
wirklich wie Nachhaltigkeit aussieht? Ein
Experte für Farbdesign gibt Auskunft.

Herr Professor Venn, im Design dreht sich
alles um den Begriff Nachhaltigkeit. Was
ist für Sie nachhaltig?

Axel Venn: Mozart! Wenn ich über den
Begriff Nachhaltigkeit philosophiere,
versuche ich immer, diesen Begriff von
der Reduktionsidee zu befreien. Das
heißt, dass nicht jedes Spülsystem der
Toiletten nachhaltig ist, auch wenn es
uns hilft, weniger Wasser zu verbrauchen.
Auch der Wasserstrahl, der mit
Perlator nur die Hälfte des Wassers
abgibt, ist nicht unbedingt nachhaltig.
Seine Funktion erleichtert nur unser
schlechtes Gewissen. Wir denken zu
gern, dass sich der Begriff Nachhaltigkeit
selbstverständlich in Reduktion kulminiert.
Das stimmt aber nicht. Genau
das Gegenteil ist der Fall. Es ist doch viel
mehr die Ausdehnung, also ein Mehr an
Ursprünglichem! Oder anders gesagt:
Wenn Großartiges reichhaltig vorhanden
ist. Und so denke ich immer an
Mozart.

Können Sie das genauer erläutern?

Venn: Wenn ich heute den Mehrwert
Mozarts betrachte, ist der sicherlich erheblich
mehr Wert als Daimler Benz
und Siemens zusammen. Denken Sie
nur, was allein der Name Mozart weltweit
täglich Nachhaltiges auslöst. Und
wenn noch in 400 Jahren seine Musik
gespielt wird, sind doch Produkte von
BMW und Bosch längst vergessen.
Was genau ist bei Mozart nachhaltig?
Venn: Das Phänomen Mozart oder Bach
oder Beethoven beschäftigt die Leute
nicht einfach nur seit Jahrhunderten, er
beschäftigt sie auch wirklich weiter –
nämlich in Form von hunderten Orchestern
und Laienmusikern. Ein ganzer
Kulturbetrieb wird seinetwegen am
Leben erhalten, nur um seine Musik
zu spielen. Und das wirkt sich sogar
bis in die Infrastruktur und Industrie
aus. Außerdem gibt er vielen Menschen
Lebenssinn. Und dann fragt man sich,
was ist dagegen RWE und Vattenfall?
Nichts! Menschen wie Mozart vermitteln
Nachhaltigkeitseffekte – manchmal
auch fragwürdige wie Ludwig II. von
Bayern, der Schloss Neuschwanstein
und andere schrecklich schöne Dinge
bauen ließ. Aber er ist dennoch bei weitem
nachhaltiger als, sagen wir mal, die
Bundesbahn.

Heißt das, Nachhaltigkeit ist nicht ausschließlich
mit ökologischer Auseinandersetzung
gleich zu setzen?

Venn: Richtig. Und das vergessen wir in
der heutigen Diskussion ständig. Nachhaltigkeit
ist für mich ein Begriff, der
viel mit Kultur zu tun hat und weniger
mit der Industrie. Es geht also darum,
positiv zu berühren. Und ich glaube,
wir sollten uns um Dinge bemühen, die
nicht nur ein Jahr den Menschen nutzen
sondern möglichst ein paar Generationen
halten. Nicht nur Musiker sondern
viele Großgeister aus Kunst, Kultur und
dem Wirtschaftsbereich vergangener
Epochen stehen als nachhaltig wirkende
Musterbeispiele bereit. Klägliche
Beispiele dagegen liefern Würdenträger
aller Art, Herrscher und Rhetoriker.

Aber was machen wir dann mit aktuellen
Dingen wie Farbtrends?

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Beitrag vom 11. August 2010