Farbe im Innenraum - Das Wohnen steht unter Beobachtung - Fachbeitrag im Handbuch Innenarchitektur

Prof. Axel Venn | Farbgestaltung

Handbuch ArchitekturFarbe im Innenraum

Das Wohnen steht unter Beobachtung. Der Geschmacksminister beaufsichtigt das Geschehen. Der Farbkommissar meldet verdächtige Bewegungen in der Farbszene. – Unten die vertrauliche Niederschrift des Ermittlers.

Die Weißnuancen – oder ihre Verwendung als Projektionsfläche für farbiges Licht

Schön ist langweilig. Weiß ist steril. Grau ist farblos. Rot ist aufregend. Blau ist kalt. Grün ist grasig. Der Versuch, es mit Crème zu probieren, wird nicht der letzte sein, aber sicherlich der leidenschaftsloseste, ängstlichste und indolenteste. – So wie Latte macchiato schmeckt, so sieht Crème aus.

Das Schicksal der Räume ist beklagenswert. Fast alle sind zu sauber oder zu dreckig, zu farblos oder zu bunt, zu leise oder zu laut. Ihr Eklektizismus wird gesteigert durch die immer gleichen Interieurs, die gänzlich von einer schwedischen Möbelgruppe dekretiert werden. Und alle machen mit aufgrund wohlfeiler Rezepturen und weil es so praktisch ist. Und alle fühlen sich im massensuggestiven Eintopf wohl und sind ziemlich glücklich damit, wie es scheint. Die Aussicht, in einer individualisierten Gesellschaft zu leben, ist so absurd wie das Missvergnügen an kollektivistischem Tun. Das Weiß und seine hell angefärbten oder leicht angetrübten Schwesterchen und Brüderchen von Milch- bis Leinen- und von Mehl- bis Zuckerwatten-Weiß haben weiterhin Favoritenstatus. – Der Kompromiss hat Methode. Das farbige Nichts ist Kult.

Die Langweiler-Gesellschaft rühmt sich ihrer Nummer-Sicher-Gehen-Motive und flüchtet Tag für Tag nach getaner Arbeit ins Saubermannshäuschen, probiert und trainiert Homing. – Auch die Zeiten importierter sonniger Gefühlswelten mit Terrakotta-Töpfen und den danach folgenden Buddha-Figuren und einer Staude Bambus vor der Hütte haben am Prinzip lang eingeübten Farbverzichts und ungetönter anämischer Blässe kaum etwas geändert. Der Mut nach Terrakotta, Venezianisch-Rot, Sonnengelb und Himmelblau wurde im 12-l-Weißgebinde versenkt. Es scheint, die tiefsitzende Leidenschaft für Weiß ist ein Relikt vergangener Tage, als im Directoire die Damen ganz in hellstem, feinstem Musselin (kaum) verhüllt, durch kühle Nächte kutschierten und in weißen Villen feierten, tanzten und spielten. Vornehme Blässe war das Signum höchster Dekadenz.

Weiß ist die andere Seite der Medaille, deren Vorderseite Schwarz ist. – Schwarz als Zeichen höchster Würde, Macht und Transzendenz. Dagegen ist Weiß das engelsgleiche, himmlische, fragile, unschuldsvolle Gegengewicht, nicht weniger bedeutend und kaum weniger harmlos. – Weiß hat sich in unseren Köpfen eingebrannt als das einzigartig Schöne, Saubere und Hygienische. – Nur selten können sich die Menschen an elaborierten Geschmacksnormen vorbeischummeln. – So ist die Zimmerdecke so weiß wie das Kühlschrankinnere. Das aseptische Weiß der Zahnpasta dient als cleanstrahlende Mustervorlage für Bett-, Bad- und Tischwäsche. Hemden erhalten ihre letzten, maximalen Weißwerte mittels optischer Aufheller, mit deren Hilfe man den vielen Weißwäscherinnen über Jahrzehnte hinweg ein gutes, reines Gewissen versprach. Geglaubt haben sie es natürlich nie.

Weiß bei Sonnenlicht und Kunstlicht betrachtet, rückt das Bild zurecht. Gott sei Dank existiert noch immer die alte, warmtönende Glühbirne, die ihre Umgebung in sanfteste Helligkeit, in der Qualität Kerzenlicht gleich, versetzt und jedem noch so unterkühltem Schneeweiß die Kälte auszutreiben vermag. Lichtgestalter bemächtigen sich mehr und mehr der weißen Stellen von Räumen und Gebäuden und applizieren Farblicht anstelle von Pigmenten. Farben, ob als Resultate subtraktiver oder additiver Farbmischung entstanden, bleiben die „Kinder des Lichts“. Manches Mal erinnern dann die lichtgemalten und lichtgestalteten Interieurs bürgerlicher Cafés und AOK-Büros an schwül-schummrige Nagelstudios, Nacht-Bars und Hafenkneipen. – Manches Rathaus putzt sich im künstlichen Lichtschmuck heraus, genauso wie das Opernhaus und das städtische Museum und bringt so Time-Square-Fluidum, Kirmes-Idylle und „Son et Lumière“-Prächtigkeit aus der französischen Schloss-Provinz mitten ins Weichbild heimischer Mittelstädte.

Die Nebel- und Sorbet-töne – farbiger Zauberkasten hintergründig schön

Keine Frage, die stillen, cremigen, teils staubigen und nebligen Schattentöne, deren Nuancen- und Fantasiereichtum märchenhafte Qualität besitzen, umgeben uns zu beinahe jeder Stunde. – Sie schwanken zwischen Dur und Moll, mal sind sie feminin, dann maskulin geprägt, selten kindlichspielerisch. – Ihre Tonigkeit ändert sich mit jedem wechselnden Lichteinfall, auch die kleinste vorübergehende Wolke färbt Wände, Boden, Vorhänge, Möbel und uns selbst neu ein. Sie changieren, zittern und vibrieren, wenn sie durchs Laubwerk fallen, und zeichnen amorphe, unfassbare Vexierbilder auf glatte und mattierte Flächen.
Diese Art der farbigen Interpretation zeigen manche der wenigen noch erhaltenen Farbflächen auf, die in altmeisterlicher Manier von Handwerkskünstlern aufgetragen wurden. Dies geschah in der Weise, dass auf weißem Grund zuerst ein heller durchsichtiger Blauton, danach eine lichte, helle Gelblasur und darauf folgend eine ebenso helle opale Rot-Nuance aufgetragen wurde. – Auf diese Weise entstand eine unnachahmlich verblasste und verblichene Altrosa-Nuance, deren Durchlässigkeit eine intrakutane, fast körperlich spürbare Intensität besaß. – Ihre Gleichmäßigkeit war in der Weise vollkommen, dass ihre Intonation zu schweben schien und man nur ahnen konnte, warum. Gerade die geheimnisumwitterten Farben machen Räume erst schön, sie sind die passenden Passepartouts für Bilder, schöne Stoffe, auch für die verschiedenen Jahreszeiten und für uns selbst. Wir müssen wieder lernen, Oberflächen weniger oberflächlich zu betrachten. Welch vertane Gelegenheit, sie inhaltslos, ohne fühlbare Qualität auszustatten. – Immer geht es um ihre sensorische Interpretation. Jeder Farbtypus benötigt in Wahrheit eine eigene individuelle Haptik und körperliche Anmutung.

Grün kann nicht trocken und kernig sein, dagegen aber glatt, auch seifig, feucht und weich. Um einiges schmieriger, kühler, rutschender gibt sich Gelb-Grün. Trocken und sandig, bröselig, beinahe geruchs- und körperlos erscheint uns brauner Ocker. Geschmeidig, nachgiebig, biegsam und angenehm wärmend dagegen erleben wir orange- bis cognacfarbene Flächen. Grüngelbliche Oberflächen und Material-Variationen generieren einen pastösen Weichheitsgrad, der sie in alle Richtungen biegsam erscheinen lässt. Mittel- bis hellgraue Nuancen werden als funktionale, ziemlich emotionslose, technisch orientierte, zumeist materialgerechte Töne erkannt. Ihre Signalwirkung zielt auf konstruktive, grafisch definierte Formen und Flächen.

Wie glaubhaft und wie gefühlvoll Farben Produkte und Architekturen begleiten können, erleben wir immer dann, wenn ihre synästhetischen und assoziativen Merkmale eine hohe Kongruenz aufweisen. Die beiden Matrizen zeigen jeweils in der horizontalen Zeile auf, wie die assoziativen oder synästhetischen Merkmale ein ergänzendes, verdeutlichendes und plausibleres Anmutungsspektrum zu vermitteln vermögen.

Die Pastellfarben – umfangreiches reservoir für das ambiente

bdia-pastellfarbenAmbiente in Pastelltönen zu gestalten, gehört zu den kreativen Königsdisziplinen. Denn das pastellige Spektrum stellt das bei Weitem umfangreichste Reservoir aller Farbtypografien bereit. – Sie umfassen die Nuancen, die weder laut noch leise, weder hell noch dunkel, weder getrübt noch prägnant sind. – Von ihrem Temperament liegen sie in der Mitte, dem Phlegmatischen entwachsend und dem Sanguinischen schon zugeneigt. Dem femininen Gusto, wie übrigens Farbigkeit im Allgemeinen eher entsprechend als dem Männlichen. – Die Töne mehr flüchtig und labil als dauerhaft fixiert, sie scheinen spielerisch in ihrer Anmutung statt nachhaltig und fest verankert. Gerade zu Zeiten des Rokoko wurde Pastellmalerei zur europäischen Modeerscheinung. Die hellen, klaren, manchmal fast durchsichtigen, frivolen Nuancen besaßen die Fähigkeit, die stoffliche Substanz von Materialien, Flächen und Gebilden charakteristisch festzuhalten.
Im Rokoko war die Farbe der Männer vielfach Rosé in all seinen Varianten von Veilchen- bis Muschelrosa; von den Damen wurde Bleu bevorzugt: von Blassviolett bis Lavendelgrau. – Ebenso fanden diese Töne in Auf- und Abhellungen großen Anklang bei allen Produkten dieser Zeit. Heute nehmen die Pastelltöne den Platz für das Zart-Glamouröse oder schicke, fein-definiert Kostbare ein. Gerade traditionelle Wohnumfelder und auch solche, ins Zeitgeistorientierte übersetzte Anleihen, brauchen die leichten Frucht- und Sorbet-Farben. – Deutlich ist zu erkennen, dass sie die Zukunftsfarben des Einrichtens sind. Alle Puristerei wird in zwei, drei Jahren vorbei sein, und es findet so etwas wie eine gezielte Rache an zu viel vergangenem Grau statt, eine unübersehbare Vergeltung an stahl-, beton-, stein- und aluminiumgefärbter Funktionalität zeichnet sich ab. …Lesen Sie weiter im PDF Dokument

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Handbuch Innenarchitektur 2009/2010 vom Bund Deuschter Innen Architekten (BDIA), erschienen im Callwey Verlag

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Beitrag vom 9. Juni 2009