Die Möglichkeiten der nicht definierten Oberflächen

Prof. Axel Venn | Farbgestaltung

Ein Aufsatz von Prof. Axel Venn über die Möglichkeiten der nicht definierten Oberflächen. – Weder Muster noch Struktur. Unvergleichlich und von endlicher Dauer, nicht begreifbar, noch unfassbar.

Thermochrome Pigmente werden in den verschiedensten Bereichen als visuelle Signalgeber genutzt. Bekannt sind die schwarzen Bratpfannengriffe, die sich bei einer Temperatur von 60° zum Rot verfärben. Kühl zu lagernde Medikamente werden mit einem Farb-Hinweis versehen, der bei einer vorgegebenen Temperaturüberschreitung eine irreversible Farbänderung erkennbar darstellt und damit vor weiterem Gerbrauch warnt. Eine Biermarke zeigt auf dem Etikett an, ob die Kühlmarke von 8°C als ultimative Genusstemperatur erreicht oder bereits überschritten ist. – Unter anderem bieten thermochrome Aufdrucke bei sicherheitsrelevanten Ersatzteilen Gewähr originären Ursprungs. Ähnliche Anwendungsspektren existieren für Zugangsbefähigungen zu Hochsicherheitstrakten. Angeboten werden u.a. Bildereignisse, die je nach Temperatur entweder sonnenüberflutete Sandstrände und beim tropischen Temperaturwechsel kühle Schneelandschaften präsentieren.

Schöne Oberflächen: Ergebnisse aus der Sicht von Sensualität, Wahrnehmung, Empfindung und Gefühl. Vielfältige Anmutungsmerkmale sind verantwortlich für Gefallen oder Ablehnung.

Wir alle kennen das Spiel: Anhand der Intensität der Verfärbung einer Fläche, die die Probanden zwischen Finger und Daumen nehmen, werden sie darüber aufgeklärt, wie heiß – oder kaltblütig sie scheinen.

Thermochrome Pigmente verändern ihre Farbigkeit nach Temperaturwert. Unser Spiel misst kalten Händen ein klares Blau zu und den heißen dagegen ein temperamentvolles Rot. Die Griff-Resultate werden dann einerseits als „unterkühlte Intellektualität“ und andrerseits als „heiße Leidenschaft“ beschrieben.

Wie der Weissagung von Illustrierten-Horoskopen folgen wir gerne den Lackmus-Testaten unseren offen dargestellten oder verborgenen Obsessionen. – Die Farbigkeit der Oberflächen kann durch Berührung noch lange nicht unsere geheimsten Wünsche offenbaren, aber immerhin verraten sie Komponenten unserer biologischen und sensitiven Befindlichkeit.

Wir teilen den Oberflächen vielleicht ein wenig mehr von unseren somatosensorischen und verhaltensorientierten Gegebenheiten mit, als wir beabsichtigten. – Immerhin liefern wir Kurzprotokolle situativer Befindlichkeiten.

Thermochrome Flächen registrieren den Augenblick für Momente.

Oberflächen werden so zu stillen Registratoren und Schaubildern, von dem, was wir im Augenblick sind. Erst nach Minuten verschwinden sie wieder und machen Platz für andere visuelle Impressionen.

Ähnlichkeiten bestehen zwischen den temperaturempfindlichen Flächen und den Artefakten, die Kinder spielend am Sandstrand zurücklassen. Formen, Bilder, Symbole angedeutete Schriftzeichen und intuitives, ornamentierendes Gekrakel. Auch dies sind Zeichen emotionalen und mentalen Tuns, die spätestens mit der nächsten Flut oder dem nächsten stärkeren Wind neu verteilt und vergessen sind.

Gerade spielerisch interaktive Aufforderungen, wie sie solche mit thermochromen Pigmenten versehene Oberflächen bieten, besitzen eine große Anziehungskraft: Wir wollen sie ausprobieren, testen und überrascht werden.

Design dient der Verbreiterung des Spektrums an Obsessionen.

Die spannende Aufgabe von Design und Entwicklung wird zukünftig immer mehr darin bestehen, das Spektrum an Obsessionsmerkmalen zu verbreitern. Dazu sind nicht nur ausschließlich technische Innovationen notwendig, sondern auch viel eher Umformungen oder Neuinterpretationen von Entwicklungen. Gerade spielerische und interaktive Angebote werden dankbar angenommen und ausgeschöpft. – Die PC- und Neue Medien - Welt hat sich nicht aufgrund ihrer Funktionalität einen raketenhaften Aufstieg gesichert: Ihre Anziehungskraft beruht einzig und allein auf ihrer spielerisch-kreativen Substanz und anmutungsvollen schmeichelhaften Gegenständlichkeit.

In der Luxusindustrie spielen obsessive Gestalt-Merkmale neben Status-Symbolen die entscheidende Rolle. Das Design, speziell die Oberflächen der Verpackungen, vermitteln Leidenschaften, die über assoziative und synästhetische Merkmale appliziert werden. Oberflächen in kombinierten matt- glänzenden Optiken und Haptiken in den passenden Farben, Formen, Schwerpunkten, Gewichten und Größen werden gegenüber den kaum Überraschung bietenden Angeboten höher bewertet. - Nicht der Inhalt selbst bestimmt den Preis, sondern die Verpackung

Das Prinzip der absoluten Makellosigkeit.

Unsere angelernte ästhetische Norm ist symbiotisch verbunden mit einem tiefsitzendem Hygieneverhalten, das von Unberührtheit, klarer Frische und folienbedeckter Virginalität gekennzeichnet ist. Unverletztheit, Glätte, Klarheit und Ebenmaß gehören zu den allgemeinen Grundvoraussetzungen einer auf Makellosigkeit pochenden neo-funktionalen und industrie-designorientierten Speckglanz- und Chrom-Gesellschaft. Warum müssen Flächen unter allen Bedingungen immer gleich steril, laborrein oder unberührt sein? Warum darf eine Fläche in der Serie von der anderen nicht abweichen? Für welche Anwendungsbereiche ist eine aseptische Perfektion im Gebrauch und in der Funktionalität überhaupt notwendig?

Die Frage stellt sich immer, ob industriell gefertigte Makellosigkeit eher auf einem ingenieurhaft begründeten Industrieanspruch besteht oder Verbraucherwünschen folgt. Bestimmt nicht in den meisten Fällen die industrielle Fertigungsmethode das Erscheinungsbild von Produkten? Beruhen nicht allzu häufig Entwicklungen andersartiger oder neuartiger, oder fortentwickelter Oberflächenprodukte auf rein produktionsorientierten, technoiden Ideen, deren Sinn sich allein aus einer ökonomisch-technischen Sichtweise vermitteln läßt?

Das Prinzip Ungenauigkeit und das Nichtperfekte

In der Wissenschaft gehören das Ungefähre und Ungenaue längst zur arrivierten methodischen, hypothetischen, philosophischen Grundlage. – Wenn das Präzise – aus welchen Gründen auch immer – nicht oder nur unter größten Anstrengungen zu haben ist, reicht zumeist in vielen Disziplinen eine Annäherung aus. – Häufig wird dies sogar als die intelligentere und ergebnisorientiertere Strategie geortet.

Im Design werden Unschärfe, Ungenauigkeit und Indifferentes als Gestaltungsmodell kaum genutzt. Nur äußerst selten werden beispielsweise rapportlose Mehrfarben-Drucke über jeweils chaotisch oder nach dem Zufallsprinzip gesteuerte Einzelantriebe produziert, um so Musterbilder zu erzielen, die erstens: nicht wiederholbar und zweitens: immer unscharf sind. – Nach diesem Prinzip werden u.a. Dessinarten gestaltet, deren Grundlage Amorphien-, Wolken-, Nebel, Schlamm- oder Schlierenbilder sind.

Ihre Unwiederholbarkeit macht solche Produkte zum Unikat. Jeder Quadratzentimeter ist authentisch und einzigartig.

Industriefertigung im Banne ästhetischer Kälte

Das Industriedesign beruft sich traditionell nicht auf Produkt-Individualität, sondern auf präzise Gestaltwiederholung. Daher rührt bis heute eine latent auszumachende Ablehnung des nicht präzise definierten Industrie-Designs.

Unschärfe-Muster zu entwickeln, bedeutet absichtsvoller Verzicht auf arrivierte Gestaltungs- und Denkweisen. Das Prinzip der Unschärfe bedeutet zugleich, den Musterergebnissen fast jede assoziative Wirkung zu nehmen. Am Auffäligsten sind in der Tat die Unschärfe-Muster, die sich Vergleichen mit der Natur, der Kunst und dem Design entziehen. Unschärfe ist also dann am überraschendsten, wenn der Betrachter assoziationslos bleibt.

Farben und Licht spielen bei der Gestaltung von Unschärfe-Mustern die wesentlichste Rolle. Formen folgen Unruhe-Frequenzen und seltsamen Choreographien, Farben geben sich die Anmutung von Materie oder Anti-Gestalt. Unschärfe ist im Gegensatz zum herrschenden Designausdruck nicht wirklich, sondern allein virtuell.

Zeitgeist, Kultur- und Kunsteinflüsse, aber auch kurzfristige Moden, häufig wechselnde Wertansprüche, sind ebenso an den Entscheidungen beteiligt, was Beachtung verdient und was nicht. – Im Moment, so scheint es, ist das nicht Deutbare, Mystische und Veränderbare, das Patinöse wie das schnell Verderbliche wirklicher als eine Realität ohne Verfallsdatum

Prof. Axel Venn (2004/06)

Lesen Sie mehr...

Bei allen Services (Mister Wong, Yigg, Infopirat etc.) bookmarken

Copyright
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Eine Verwendung des Textes - auch in Auszügen - bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.

Beitrag vom 31. Juli 2007