Der Schöne Schein - Auf der Suche nach Identität und Glamour
Prof. Axel Venn | Axel Venn, Zukunft und Trends
Vortrag anläßlich der Veranstaltung Carat! On stage auf der Messe Frankfurt:
Warum Glanz eine Renaissance erlebt, Buntheit en Vogue ist und alles, was schwer aussieht, schieres Verlocken auslöst und warum wilde Männer auf sanfte Frauen Tattoos lieben - Eine Zukunftsbeschreibung archaischer Trendmerkmale.
„DER SCHÖNE SCHEIN -AUF DER SUCHE NACH IDENTITÄT UND GLAMOUR“
Die Schaumgeborene (Botticelli, *Florenz 1445, gest. ebd. 1510) oder „Die Geburt der Venus“(1485) zeigt eine von Allegorien begleitete Nackte, sich aus den Wellen des Meeres erhebend, in einer Muschel stehend – langmähnig, blond und graziös.
Die Allegorie der perlenden Geburt, Sinnbild von Unschuld, Würde und Verheißung stellt das zig-tausendfache Vorbild dar für junge Frauen, gelegentlich auch für junge Männer, die mit glänzenden und glitzernden Wassertropfen übersät, der Nord-, und Ostsee oder dem Baggersee entsteigen, um danach die funkelnden Wasser-Perlen abzuschütteln.
Ein wenig erahnt man noch, wenn man ihr kaum gebändigtes, noch nass-strähniges Haar, die sanfte Neigung des Kopfes und ihre anmutige, leicht ausruhende Beinhaltung betrachtet, das zuvor Geschehene: Zauber der Entblößung von der blitzenden Perlenpracht. So steht sie vor uns: Glamourös, anrührend erwartungsvoll, hoffend, dass die echten Perlen sie ihr Leben lang begleiten werden. Ein Leben, gerade ein Frauendasein, währte in den Zeiten der Renaissance nicht besonders lang: Das Blühen ging ohne Übergang ins Verblühen über. Perlen, Gold und Geschmeide milderten das Alt- und Älterwerden auf ein erträgliches Maß.
Sie ahnen, auf was ich hinaus will: Glanz und Glamour, Blitzer und Glitzer, Scheinen und Schillern, Brillianten und Diamanten, Gold und Platin, Schmuck und Ornament, Glasperlen- und andere Spiele, Verführung und Verzeihung, Glanz und Grandeur, Sprudelwasser und Champagner, Beschenken und Verdammen, Raub und Verdammnis, Liebe und Haß, Maßlosigkeit und Bescheidung, Luxus und Trockenbrot, Neid, Eifersucht, Intrigen, Mord und Totschlag, Gunst beweisen und entziehen auf Gnade und Ungnade.
Alles, was glänzt, kommt ohne Worte aus.
Was schillert und schimmert, meint alles, sagt nichts.
Die Kodizes sind so vielfältig wie die Wahrheiten und Irrtümer, die dahinter stehen. – Schmuck erzielt seinen wahren Wert aus Gesten des Beschenktseins.
Sowie sich kein Mensch die eigenen Rippen oder Oberschenkel zu kitzeln vermag, genauso ist der Selbsterwerb von Geschmeide jeder Art eine zumeist traurig-deprimierende und doch trostvolle Angelegenheit, ähnlich wie der Postkartengruß an die eigene Adresse.
Wenn wir jedoch schon einmal dazu bereit sein sollten, zu uns selbst generös zu zeigen, dann muß die Portion gewichtig sein: Je größer der Ring, die Arm-, Bein-, Bauch- und Halskette, die Armbanduhr oder sonst etwas Schönes, desto eher ist der Empfänger auch der Spender.
Viel Bling-Bling mit noch mehr Bula-Bula weisen auf autofinanziertes Tun hin.
Das kleine Teil wird schon mal leichter dediziert.
Tattoos, Implants, Bondages, Piercings, Botox-Happenings im ganzen Gesicht.
Brustvergößerungen und –verkleinerungen, Fettabsaugungen, Hungerkuren, Knochenverlängerungen und Reitertaschen-Operationen, Nasenverkürzungen, Ohrenanlegen, Schlupflider-Korrekturen usw. usw.
Wenn ein Ort den Titel „Glitzerndster Platz der Welt“ beanspruchen kann, dann ist dies New York.
Moskau ist dem Big Apple nach Glanzgraden gemessen dicht auf den Fersen.
Gold, Silber, Bronze, Kupfer, Strass, Pailletten, Glas im Metalliclook. Von High Society, Rappern, HipHoppern und New-Economy Financial Gangs heiß geliebt.
Ob Brillen, Schuhe, WCs, LCD Monitore, Dessous, Nasen, Wangen, Stirn und Münder alles vibriert vor lauter Strass.
Von Michael Kors oder Dior, von Cartier bis Rolex, alles blingt echt, auch dann, wenn es nur die Steinchen von Swarowski sind.
Emporio Armani bietet Strass-Ohrringe für 150 Dollars und Dolce & Gabana Creolen für 175 Dollar.
Dolce & Gabana nennen ihr neu eröffnetes Restaurant in Mailand „Gold“
Zaristisch anmutende gleißende Luxus-Messen in der Stadt an der Moskwa.
– Eine neue Form des Dolce Vita. Silber und Gold, Kupfer und Platin sind die drei Verbündeten des Glamours; Schlangenhaut, Glacé-Leder, Seide, Body Lotion, Puder und Düfte-Orgien tragen ihren funkelnden Glanz.
Die Frauen aus „Sex and the City“ sind die wahren Apologeten des Gefunkels, das man Leben oder Lifestyle nennt:
Dazu gehören Highheels, Stilettos von Malono Blahnik bis zu 14 cm hoch für Hunderte oder Tausende von Dollar, Klamotten im Funkel- und Fummellook von Paris Hilton bis Giorgio Armani: glänzend die Geschichte von Christian Krug (Spiegel, Nr.26, S.96), wie Armani seine weißbehandschuhte Dienerschaft kujoniert und sich den Kaffeelöffel nach Benutzung forttragen läßt.
Byzantinischer schmeichlerischer Glanz ist Methode:
Reich zu sein ist schön, schöner jedoch ist, Reichtum zu zelebrieren.
Dazu die Ingredienzien: Untertänigstes begleitendes Fußvolk, Trophäen: Frauen, Männer, Umgebung: Geglitzer und Geschmeide und Trunken sein vor Glück, vor Angst und der heimlichen Überzeugung, dass alles ein tiefer Traum ist.
„Mac Book Pro“ für 9000 Dollar, iPods für 20.000 Dollar.
Ein goldenes Besteck, bestehend aus 5 Teilen für 71 Dollar.
Paris Hilton ganz in Gold. Ihr Glitzern kostet Hunderttausende für einen Abend.
Nun die Buchvorstellung: “Confessions of an Heiress – Paris Hilton“ (Fireside Book).
Sie ist die neue Königin der Selbstvermarktung (geb. 1981)
Ihr Jahreseinkommen:
03/04 2 Mill. Dollar 04/05 6,5 Mill. Dollar 05/06 7 Mill. Dollar
Die Szene High, high, high Society kommt ohne Muster aus – Glanz allein reicht vollkommen.
Die wichtigste Farbe ist Pink.
Metapher von ziemlich unschuldiger Exaltiertheit.
Die Zweitwichtigste ist Rot.
Nirgendwo läuft es sich angenehmer als auf dem roten Teppich.
Die HipHop Welt hat Lust auf Glamour.
Dazu benötigt sie starke Farben, bunte Logos und viele Muster, Straß und wieder Gold und Silber. Mützen, ein amerikanisches Symbol kollektiven, nivellierten Einverständnisses. „Goldene“ Schuhe und „goldene“ Motorräder sind auch gut fürs Kollektiv.
Puff Daddy bzw. Sean John Combs macht seine eigene Modeserie „Sean John“. Technische Spielereien – Gadgets sind In:
Schuhe wie Raumschiffe, Kopfhörer wie goldene Grabbeilagen und Ringe wie Totschläger.
Ein Mobile Phone für schlappe 1,3 Mill. Dollar mit echten Steinen aus Antwerpen gehört zum ultimativen Angebot.
Riskieren wir einmal eine dicke Lippe und sagen: Die Welt war nie schöner als heute.
Axel Venn, Juli 2008
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Beitrag vom 29. Juli 2008


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