Das Weiß muss schillern und schimmern
Prof. Axel Venn | Farbgestaltung
In der Ausgabe der Luftana Exclusive 12/2008 hat Prof. Axel Venn ein Interview zum Thema Weiß gegeben. Prof. Venn ist überzeugt, daß Farben den Erfolg und Misserfolg von Unternehmen beeinflussen können.
Lufthansa Exclusive: Sie sind ja total in Weiß gekleidet, Herr Professor. Etwa nur für uns?
Axel Venn: Ich dachte mir, wenn wir schon über Farben sprechen, kann ich auch beim Outfit auf unser Thema eingehen. Und wenn Sie genau hinschauen, bin ich nicht weiß angezogen. Ich trage sogenannte Off-Whites, verschiedene Weißtöne, Crème, Champagner. Oder meine Hose, die hat die Farbe von Milch. Die Palette an Weißtönen ist riesig, damit kann man herrlich experimentieren. Auch in so einer Flughafen-Lounge hat Weiß ein großes Ausdruckspotenzial.
Lufthansa Exclusive: Stimmt, Sie fallen auf! Alle anderen Menschen tragen eher dunkle Anzüge.
Venn: In Weiß wirkt man immer unschuldig. Wenn sich die Banker mal weiß statt schwarz anzögen, würden sie sicher nicht so risikoreich spekulieren, davon bin ich überzeugt. Dann würden sie nicht nur an ihren Machterhalt denken. Denn Schwarz verkörpert die reine Macht.
Lufthansa Exclusive: Manche Umgebungen sind häufig
weiß, Arztpraxen zum Beispiel oder das Bad in der Wohnung. Warum?
Venn: Arztpraxen sollten nicht weiß sein. Um die Räume dort möglichst angstfrei zu machen, sollten sie in Pastelltönen gestrichen sein, dazu habe ich viel geforscht. Und dass Bäder weiß sind, das war einmal. Vielleicht bleibt die Keramik weiß, die Waschbecken, die Badewanne. Aber die Wände werden definitiv farbig.
Lufthansa Exclusive: Weshalb?
Venn: Weil die Bäder ihre Substanz verlieren. Heute geht man nicht mehr in sein Bad, nur um sich zu reinigen. Man will Spaß haben, relaxen, zu sich kommen. Die Bäder werden größer, plötzlich steht da noch ein Kühlschrank oder ein Kamin. Das Bad wird zur Wellness-Oase, zum offiziösen Ort.
Lufthansa Exclusive: Wo ist denn ein reines Weiß sinnvoll?
Venn: Im Kühlschrank! Und zwar innen, nicht außen. Überall dort, wo ein hoher Grad an hygienischer Anmutung erreicht werden soll.
Lufthansa Exclusive: Scheinbar auch bei technischen Geräten. Immerhin hatte die Computerfirma Apple in den letzten Jahren riesigen Erfolg mit ihren klinisch weißen MacBooks
und iPods.
Venn: Sie hatten Erfolg, obwohl diese Geräte anfangs nur
weiß waren. Hätte man sie auch in Farbe kaufen können, hätte Apple noch mehr davon verkauft, glauben Sie mir. Reines Weiß ist in bestimmten Welten vorbei; wir trauen uns wieder mehr, wollen sattere Farben.
Lufthansa Exclusive: Wie lange im Voraus beschäftigen Sie sich mit den Trendfarben der Zukunft?
Venn: Ich beschäftige mich gerade mit den Jahren 2010 bis 2012. Das ist unglaublich spannend. Archaik und Patina kommen in die Wohnwelten zurück. Wir werden entdecken, wie schön und teuer Patina ist. Da geht es um Authentizität, um die Erfahrung, dass auch das Vergängliche schön ist. Wir werden eine Gegenwelt zur Virtualität errichten und auch wieder andere Farben verwenden.
Lufthansa Exclusive: Meinen Sie mit Patina, dass die Menschen verstärkt Antiquitäten kaufen werden?
Venn: Ja, und zwar Produkte und Flächen, die Geschichte und Alter ausstrahlen. Am besten legt man seine alten Möbel noch drei Jahre in Salzwasser und lässt dann einen Traktor darüberfahren. Dann hat man den Trend ziemlich genau getroffen.
Lufthansa Exclusive: Wie gehen Sie vor, wenn Sie die Trendfarben der Zukunft erspüren wollen?
Venn: Ich führe Gespräche mit verschiedenen Menschen und versuche zu erfahren, wo es Überdrusshaltungen gibt. Trends sind nichts anderes als Überdrusshaltungen zu vergangenen Trends. Wenn alles wie in den letzten Jahren glitzert und gläsern ist, kommt ein Gegentrend. Das Schlimme an Glas ist doch: Es kann nicht schön veralten, Glas wird einfach nur hässlich, altes Glas ist das Schlimmste überhaupt. Irgendwann werden wir diese ganze gläserne Architektur verdammen, sie nimmt unseren Städten Identität, die Häuser spiegeln sich nur in sich selbst. Man ist in New York und könnte genauso gut in Schanghai sein.
Lufthansa Exclusive: Und was fühlen die Menschen zurzeit? Wonach sehnen sie sich?
Venn: Etwas ist ganz wesentlich: das Wohnen. Auf der einen Seite muss die Wohnung Geborgenheit verströmen, auf der anderen Seite ist sie zum wichtigsten Statussymbol geworden. Heute zeigen Menschen ihre Wohnungen, vor 20 Jahren hat man Gäste in den Partykeller eingeladen. Es gibt wieder Hauskonzerte, Kamine und Kachelöfen kommen zurück. Wir wollen es gemütlich, und Rot ist die gemütlichste Farbe, die es gibt. Ende der Neunziger, um die Jahrtausendwende, war die Grundstimmung nostalgisch verbrämt. Wir haben uns an alte Formen erinnert. Plötzlich wurden die Autos wieder rund, Vespas kamen zurück, jetzt werden wir viel mutiger.
Lufthansa Exclusive: Nur weil wir unsere Wände rot malen?
Venn: Das ist ja nicht alles! Muster und Streifen kommen wieder, das war lange verpönt, Zwiebelmuster, Barockmuster; und als neuer Trend die naive Buntheit.
Lufthansa Exclusive: Wie schwer ist es, die Kunden daran zu gewöhnen?
Venn: Das ist ganz leicht! Das Wichtigste ist: Die Menschen wollen den neuen Trend auch sehen. Man muss ihnen also Bilder zeigen von Farben, von Dingen, die angesagt sind. Und wenn ein Verkäufer ihnen dann noch erzählt, dass dies und jenes ihre Persönlichkeit perfekt unterstreicht, dann kaufen sie praktisch alles.
Lufthansa Exclusive: Wie lange halten Farbtrends?
Lesen Sie weiter: Vollständiges Interview Prof. Axel Venn mit Lufthansa Exclusive
Der Text stammt von Tobias Haberl und die Fotos von Edgar Rodtmann
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Beitrag vom 16. Januar 2009


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