Rubrik: Farbgedichte, Farbsemantik
Auszug aus:
Das Farbwörterbuch |
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die midlife crisis beginnt
mit fünfundsiebzig jahren
die jugend endet kurz zuvor
schönheit ist für ewig angelegt
die richtlinienkompetenz für’s wetter
und die sehnsucht nach später
haben wir verliehen
und verschleudert
die erinnerung an wacklige kinderbeine
ist verborgen und verlegt
und wird nur wach bei rosa haar
und nacht-blau tiefen augen
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Rubrik: Farbgedichte, Farbsemantik
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Das Farbwörterbuch |
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der naseweiß trägt diese farbe
bleich ist jeder stubenhocker
dem blauen fehlt’s an luft
und sicherem gang
grün ist der naturverbundene
rot ist links, schwarz ist rechts
violett sind stets die mystiker
grau die städtischen bediensteten
die königstreuen lieben gold und purpur
rost der ton der feinen herren
zum papagei passt gelb
dem verborgenen fehlt‘s kolorit
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Rubrik: Farbgedichte
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Das Farbwörterbuch |
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die überzahl der schwarzmaler
nutzt weder grau noch anthrazit
die schwarzmaler sind erfolgreich
die weißmacher bleiben verlierer
die fokussierer verlieren aufgrund
ihrer scharfsicht die
fähigkeit randunschärfen zu justieren
farbkleckse sind das unwillkommene
ergebnis eines kunstgewordenen zufalls
jeder selbstherbeigeführte farbton
ist der ausdruck von äußerster willensbildung
die verkitschten haben keine angst vor den
untiefen ihrer latenten niedlichkeitsschüben
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Rubrik: Farbgedichte
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Das Farbwörterbuch |
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wer kennt die farben der skulpturen
der Götter, helden, denker, dichter
die mischung der lasuren
den glanz im auge und die lichter
der giuliani weiß es nicht
und vinzenz brinkmann malt sie an
mit tönen laut nur selten schlicht
doch kommen sie nie an die wahrheit ran
der schmerz der bildungsbürger-clique
zehrt an der bunten schmach
der griechen mit dem color-tick
da helfen weder weh noch ach
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Rubrik: Farbgedichte
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Das Farbwörterbuch |
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schön bemalte flugzeuge
am himmel und auf erden
flieder und rosa, dazu curaҫao-getönte socken
lieblingsfarbe der männer
das feminine zieht sich auf schwarz und erdbraun zurück
die blanke haut benötigt efeu und
chinesich-rot mit borke und honig versetzt
kinder stehen auf hell-grau und dunkel-blau
die wirtschaftsnachrichten kommen
auf pfirsich-nuanciertem Papier gut rüber
machtentfaltung ist operetten-koloristik
mediale langweile ist das grell-bunte
die intelligenz ist unsichtbar farblos
weiße wände gehören den meinungslosen
den schüchternen den alltäglichen und
den schuldigen betrunkenen verstimmten
den unschuldig-ahnungslosen ermatteten indolenten
nicht ahnend was sie zu entbehren bereit sind
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fitz der rotbehoste
kramt in kisten
farbenwild und schreiend
wie der schilderwald
in schilda dort wo die
beamten hausen
und im tafelwust versacken
und manch‘ idyll zerbricht
weil sie das rot,
dem fitz gewidmet
nicht als den urton
aller töne anerkennen wollen
so bleibt dem schilderwald
vorerst der ordnungssinn
versagt, was fitz
natürlich laut beklagt
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Das Farbwörterbuch |
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johanna malt sich ihre zehen
wechselweise rot und purpur
hüpft und schlüpft
in bunte rollen
alternierend stetig wägend
stilbegabt und urteilsfähig
wie ein alter meister
der traumwandlerisch
die besten farben zaubert
und rouge und schattenfarben
reichen glanz verleiht
und lachend drüber stolpert
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im planquadrat der farben
nehmen manche von ihnen
den anderen die luft weg
weil sie schöner sind
unstreitbar ist so dem veilchen
die blasiertheit angeboren
dem magenta die gemeinheit
vielleicht ahnt bluette bereits
dass ihr kolorit noch
lieblicher erscheint sobald
augenblau und rothaar
duette der verzückung intonieren
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